„Low-Level-Funktionen“ und ihre Einschränkungen

Der Begriff der Low-Level-Funktionen wurde in Deutschland erstmals durch einen Beitrag von Professor Martin Ptok eingeführt. („Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen und Legasthenie“ Hessisches Ärzteblatt 2/2000, pp. 52-54).

Die Entwicklung komplexer Leistungen wie Lesen, Schreiben und Rechnen erfolgt in Stufen und bedarf vieler Voraussetzungen. Eine bedeutende Rolle für die schulische Entwicklung spielt dabei unter anderem auch der sogenannte Low-Level-Bereich. Gerade im Bereich des Hörverstehens können gut ausgebildete Low-Level-Funktionen eine wertvolle Unterstützung für Sprache, Aufmerksamkeit und Lernen liefern und so zu einer guten Schulerfahrung und schulischem Erfolg beitragen.

Sind diese Bereiche oder Teilbereiche  gestört oder nur schwach ausgeprägt, kann dies zu  Problemen zum Beispiel beim Lesen, Schreiben und Rechnen führen. Häufig ist es so, dass  der Low-Level-Bereich bei Kindern mit Schulschwierigkeiten sehr schlecht ausgeprägt ist. Daher ist es sehr wichtig zu wissen, wie gut dieser Bereich funktioniert. Hier setzt die Testung mit dem BUP (BrainBoy Universal Professional) an.

Die Testung der Low-Level-Funktionen beinhaltet:

  • Die visuellen und auditiven Ordnungsschwellen, die das Maß sind für die Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gehirns.
    Hierbei wird die Zeitspanne gemessen, die zwischen zwei visuellen bzw. auditiven Sinnesreizen mindestens verstreichen muss, um sie getrennt wahrnehmen und in eine zeitliche Reihenfolge bringen zu können.
  • Das Richtungshören
    Hierbei wird die Fähigkeit zu Lokalisation und Konzentration auf eine Schallquelle gemessen. Diese Fähigkeit ist auch als „Party-Effekt“ bekannt.
  • Die Tonhöhen-Unterscheidung
    Es wird der geringste Frequenzunterschied zwischen zwei Tönen ermittelt, der noch eindeutig erkannt wird.  Diese Fähigkeit ist u.a. für das Entschlüsseln der Sprechmelodie bedeutsam sowie für das korrekte Hören von Vokalen und Konsonanten (z.B. P/B  T/D).
  • Die auditiv-motorische Koordination
    Mittels synchronem Finger-Tapping wird die Hemispärenkoordination (altersgerechtes Zusammenspiel von linker und rechter Gehirnhälfte) ermittelt.
  • Die Wahl-Reaktions-Zeit
    Hierbei wird die Zeitspanne zwischen der Entscheidung des Probanden, welches der tiefere Ton ist, und dem Betätigen der Taste (also seine Reaktionsgeschwindigkeit) gemessen. Hierbei geht es um die schnelle Unterscheidung ähnlich klingender Laute.
  • Das Tonmuster-Erkennen
    Hierbei muss aus drei Tönen der anders (höher) klingende Ton herausgehört und bestimmt werden.
  • Die Tonlängen-Erkennung
    Hierbei muss aus drei Tönen der in der Tonlänge abweichende Ton herausgehört und bestimmt werden.

Sämtliche Low-Level-Bereiche können auf diese Weise getestet und im Folgenden  mit dem BrainBoy trainiert werden. Damit kann die Basis für alle weiteren Entwicklungsstufen geschaffen werden.

 

Im Folgenden sind beispielhaft einige Verhaltensweisen aufgeführt, die durch Einschränkungen in den Low-Level-Bereichen in unterschiedlicher Ausprägung vorkommen können:

Visuelle Ordnungsschwelle

  • Unleserliche Schrift
  • Das Nachzeichnen von Figuren / Formen fällt schwer
  • Feinmotorik ist eingeschränkt (z.B. Auffädeln von Perlen auf einer Kette)
  • Zurückhaltend bei neuen, sich verändernden Situationen – braucht Zeit und / oder sichere Bezugspersonen, bis die neue Situation als sicher empfunden wird
  • Zu langsam beim Bearbeiten von Arbeitsblättern
  • „inneres Abspeichern und evtl. Umsetzen von inneren Bildern“ z. B. bei Zahlen, Buchstaben, Wörtern, Textaufgaben dauert länger
  • Das Erkennen und Speichern von Handlungsabfolgen fällt schwer
  • Schwierigkeiten beim Erkennen und Speichern von Bewegungsabfolgen und Körperkoordination
  • Schwierigkeiten beim Abschätzen von Räumlichkeiten, z. B. Wasser einschütten in ein Glas
  • Langsames Lesen lernen
  • Langsames Lesetempo
  • Visuelles Abspeichern vom Schriftbild neuer Wörter fällt schwer
  • Übermäßig viel Fehler beim Abschreiben eines Textes

Auditive Ordnungsschwelle

  • Häufiges Nachfragen bei Gesprächen
  • Langsameres Lernen von (Fremd)- Sprachen
  • Das Sprechen hat spät angefangen
  • Silben / Wörter-Zerlegung fällt schwer
  • Nachsprechen von Silben / Wörtern fällt schwer (Mottiertest)
  • Schnelles und adäquates Erfassen von ähnlich klingenden Wörtern (z. B. Wartezimmer und Badezimmer) fällt schwer
  • Schlechteres Rhythmusgefühl
  • Wiedergabe von erlebten Ereignissen fällt schwer
  • Merken von neuen Wörtern fällt schwer
  • Überempfindlichkeit bei Geräuschen
  • Mangelhafter Wortschatz
  • Reagiert oft nicht beim ersten Rufen und / oder bekommt nur die Hälfte des Satzes mit
  • Schnell gesprochene Sprache kann nicht erfasst werden

Richtungshören:

  • Dem Kind fällt es schwer, sich zu konzentrieren
  • Entweder sehr aufgedrehtes oder abgeschaltetes Verhalten in Gruppen
  • Überempfindlichkeit bei Geräuschen
  • Insgesamt sehr gestresstes oder abgeschaltetes Verhalten (nicht reagieren)
  • Es fällt schwer, in einer Gruppe eine einzelne Stimme heraus zu hören
  • Reagiert unsicher, aus welchen Richtungen Geräuschen kommen
  • Reagiert schreckhaft auf laute, unerwartete Geräusche
  • Kann selbst sehr laut werden, zur Kompensation der Geräusche

Tonhöhenunterscheidung 

  • Wenig betontes Erzählen
  • Wenig Singen
  • Matte, eintönige Stimme
  • Stockende Stimme
  • Missverständnisse in Gesprächen möglich – häufiges Nachfragen
  • Kein Verständnis für Ironie
  • Unangemessene Reaktion auf Ansprache – fühlt sich häufig „angemacht“
  • Reagiert z. B. bei Streit erst, wenn sich die Lautstärke verändert, nicht bei Veränderung der Tonlage

Motorische Koordination auditiv 

  • Sehr langsames Umsetzen bei Aufträgen
  • Bei mehrgliedrigen Aufträgen wird nur der erste oder der letzte ausgeführt
  • oder
  • „überholt sich“ – lässt beim Schreiben Worte oder ganze Sätze aus
  • macht viele Flüchtigkeitsfehler
  • „handelt bevor er denkt“

Wahl-Reaktions-Zeit

  • Sehr langsames Tempo / Verhalten
  • in Stresssituationen unsicher, schnell und adäquat die richtige Entscheidung zu treffen

Frequenz-Mustererkennung

  • Unsichere Handlungsreihenfolgen (z. B. beim Anziehen)
  • Unsichere motorische Abfolgen
  • Unsichere Silbentrennung
  • Geringer Wortschatz
  • Unterscheidung von ähnlich klingenden Buchstaben erschwert, z. B. d/t, g/k
  • Wenig Verständnis für Reihenfolgen und Muster im kognitiven Sinn
  • Es fällt schwer, ein „inneres Bild“ abzuspeichern
  • Schwierigkeiten bei Textaufgaben
  • Schwierigkeiten bei Mathematik
  • Trifft häufig auf LRS- Kinder zu

Tonlängen-Mustererkennung 

  • Schwierigkeiten bei der Erkennung von kurzen und langen Vokalen, z. B. „Schall und Schal“ / „Beet und Bett“
  • Trifft häufig auf LRS-Kinder zu

 

Kinder mit großen Defiziten in den Low-Level-Funktionen  haben oft Schulschwierigkeiten, da das Gehirn sehr viel Energie aufbringen muss, um in dieser untersten Stufe einigermaßen klar zu kommen (zu kompensieren). Damit bleibt für die weiteren Entwicklungsstufen nur noch wenig Energie übrig – es kommt zu Konzentrationsproblemen, die häufig den Symptomen eines AD(H)S ähneln. 

Bei Interesse an weiteren Informationen nehmen Sie bitte Kontakt mit dem Lernwerk Celle  auf, um einen Termin für ein kostenfreies, persönliches Erstgespräch zu vereinbaren.

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